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Dr. Elsa Nickel (BMU)                 Zur ökonomischen Perspektive von Natur und Naturschutz


Sehr geehrte Damen und Herren,

wussten Sie, dass der Wert der Bestäubung durch Insekten für unsere Nutzpflanzen auf mindestens 220 Milliarden Euro geschätzt wird oder dass der weltweite Umsatz mit Algen etwa 8 Mrd. Euro beträgt?

Das sind zwei Beispiele dafür, dass die biologische Vielfalt der Erde mit ihren Tier- und Pflanzenarten einen ungeheuren natürlichen Reichtum bietet. In den Staatshaushalten und unternehmerischen Bilanzen taucht der Schutz der Natur bisher jedoch vornehmlich als Kostenfaktor auf. Die Rolle der Produktivkraft Natur und ihrer Ökosystemdienstleistungen wird leider noch systematisch völlig unterschätzt.

Wir nutzen Natur wirtschaftlich

Ø      als Basis für technische Innovationen (Bionik)

Ø      als Grundlage für die Entwicklung von Arzneimitteln

Ø      als Grundlage für Ökotourismus und regionale Wirtschaftsentwicklung

Ø      zum Schutz gegen Naturkatastrophen

Ø      zur Schaffung von Arbeitsplätzen

Ø      als Basis für Land- und Forstwirtschaft sowie Fischerei

Ø      als Quelle menschlicher Gesundheit (therapeutische Wirkung auf Körper und Psyche).

Ein Beispiel: die rund 100.000 Schutzgebiete der Erde versorgen die Menschen mit Ökosystemdienstleistungen im Wert von 4,4 bis 5,2 Billionen US-Dollar pro Jahr! Das übertrifft die Summe der Umsätze des weltweiten Automobilsektors, Stahlsektors und IT-Dienstleistungssektors zusammen. Die Investitionen wiederum, die notwendig sind, um diese Leistungen zu erhalten, betragen nach Expertenschätzungen jährlich etwa 45 Milliarden US Dollar - also nur etwa ein Prozent des Wertes der Erträge.

Die Ökonomie von Ökosystemen und der Biodiversität wird derzeit in einer Studie breit untersucht; Sie fingiert international unter dem Titel „The Economics of Ecosystems and Biodiversity“ – kurz TEEB. Diese Untersuchung wurde während der deutschen G8-Präsidentschaft im Jahr 2007 von Deutschland und der Europäischen Kommission initiiert. Vergleichbar zum sogenannten „Stern“-Report beim Klima geht es darum, den ökonomischen Wert der Leistungen der Natur besser einschätzen zu können. Die Studie wird unter der Schirmherrschaft des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) durchgeführt. Ein erster Zwischenbericht der TEEB-Studie wurde auf der 9. Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD) im Mai 2008 in Bonn vorgelegt. Bereits zu diesem Zeitpunkt zeigte sich, dass der wirtschaftliche Wert der Leistungen der Ökosysteme für die menschliche Gesellschaft deutlich höher ist, als von Ökonomen und Naturwissenschaftlern angenommen wurde.

Auch zum ökonomischen Wert von Ökosystemdienstleistungen in Deutschland liegen beeindruckende Zahlen vor: In Mecklenburg-Vorpommern wurden beispielsweise zwischen 2000 und 2008 durch das Moorschutzprogramm Wiedervernässungen im Umfang von 30 km2 durchgeführt. Der Wert der damit verbundenen Klimagasreduktion beträgt etwa 30 Mio. € pro Jahr. Die dafür erforderlichen Kosten liegen mit bis zu 12 € pro t CO2-Äquivalent deutlich unter sonst üblichen Kosten zur Klimagasminderung. Sie sehen also: Moorschutz ist auch eine kostengünstige Klimaschutzmaßnahme! Das gilt entsprechend für weitere Ökosysteme.

Aber Natur ist und kann noch viel mehr, was sich dem unvoreingenommenen Betrachter zunächst vielleicht gar nicht erschließt: Der  Baumeister Natur liefert Vorbilder für technische Entwicklungen. In der Regel geht es bei der Bionik um das Erkennen der Bau- und Wirkprinzipien, also um „Kapieren statt Kopieren“. So arbeiten Bonner Wissenschaftler gerade daran, das Prinzip des Sammelappartes an den Beinen von Ölbienen zu verstehen und anzuwenden. Ölbienen sammeln mit feinen Haaren an den Beinen das Öl von ölhaltigen Blüten als Energieträger und Nährstoff für ihre Brut. Nach diesem Prinzip soll eine Textur entwickelt werden, mit der im technischen Einsatz Öl aufgesaugt werden kann, im großen Maßstab zum Beispiel eines Tages von der Meeresoberfläche nach Tankerunfällen. Das ist „Bionik“!

Natur ist aber auch Standortfaktor: so hat zum Beispiel eine Studie gezeigt, dass die Immobilienwertsteigerung durch stadtnahe Natur in den Niederlanden 450 bis 1350 Millionen Euro beträgt! Ein Grundstück mit unverbaubarer Aussicht am Rande eines Naturschutzgebietes ist eben viel begehrter als eines neben einer Umgehungsstraße.

Und: Natur ist auch wichtiger Produktionsfaktor. Denn die Natur liefert Güter und Dienstleistungen z.B. für die Ernährung, für Baustoffe und für die Energieversorgung. Ein UNEP-Report z.B. beziffert den jährlichen Wert der Riff-Fischerei auf 15 000 bis 150 000 US-Dollar pro Quadratkilometer, im gesamten Südostasien auf 2,5 Milliarden US-Dollar, in der Karibik auf 310 Millionen US-Dollar. Es gibt übrigens derzeit im Naturkundemuseum in Berlin eine wunderbare Ausstellung zum Thema Riffe.

Diese und viele weitere Beispiele haben die Autoren Beate Jessel, Olaf Tschimpke und Manfred Walser in ihrem Buch „Produktivkraft Natur“ zusammengetragen. Die Fülle der Beispiele ist beeindruckend – mehr noch aber die Vielzahl an Zusammenhängen und Blickwinkeln, unter denen man Natur als einen ökonomischen Wert betrachten kann. Mit ihrem Buch schließen die drei Autoren eine echte Lücke: sie bieten erstmals eine Zusammenschau der gesamten Palette möglicher Zugänge zu dem Thema und lassen die Leser staunen über neue Zusammenhänge. Sie  betrachten den Reichtum der Natur einmal aus ganz anderer Perspektive, nämlich als einen Faktor der Wirtschaft, und bemessen seine Bedeutung in deren Kerngröße – dem Geld.

Und sie belegen eindrucksvoll: bei genauer Betrachtung erweisen sich Investitionen in das Naturkapital als ein Wachstumsmotor, der in dem Maße Lebensqualität und  Wohlstand hervorbringt, wie die Natur geschützt und entwickelt wird. Es wird deutlich, dass es neben den rein ethischen und emotionalen Motiven viele gute wirtschaftliche Gründe dafür gibt, sich für den Schutz der Natur einzusetzen. Dies ist die Kernbotschaft an die Nicht-Naturschutz-Szene! Betrachte die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen nicht als Kostenverursacher, sondern schau auf den wirtschaftlichen Nutzen für die Gesellschaft.

Das ist eine deutliche Aussage – und ich wünsche mir, dass dieses Buch eine breite Leserschaft findet. Dabei denke ich besonders an Vertreterinnen und Vertreter der Wirtschaft, denen wir die Lektüre besonders ans Herz legen.

Aber ich möchte auch betonen, dass alle Autoren Natur ausdrücklich nicht auf ihren wirtschaftlichen Wert beschränken wollen, dass sie Natur nicht nur über ihren Nutzen und Zweck für den wirtschaftenden Menschen definieren wollen, auch wenn sie in dem vorliegenden Buch ganz bewusst diesen Blickwinkel einnehmen. Hierzu möchte ich Immanuel Kant (aus dem Jahr 178) zitieren: "Im Reich der Zwecke hat alles entweder einen Preis oder eine Würde. Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes als Äquivalent gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist, mithin kein Äquivalent verstattet, das hat eine Würde".

Preis und Nutzen sind kein adäquates Maß für Würde – auch nicht im Falle der Würde der Kreatur. Als praktische Konsequenz folgt daraus: Ökonomische Berechnungen sind nicht als Ersatz, sondern als eine zusätzliche Komponente von ethischen Erwägungen im politischen Prozess der Erhaltung und nachhaltigen Nutzung der biologischen Vielfalt zu verstehen - aber eben eine wesentliche Komponente. Dieses Zitat soll daran erinnern, worum es im Naturschutz eigentlich geht. Preis, Wert und Bewertung sind jeweils unterschiedliche Dinge, aber wirtschaftliche Argumente können ethische Erwägungen gut unterstützen.

Wir haben im BMU die Veröffentlichung des Buches zum Anlass genommen, eine neue Homepage zum Themenspektrum Wirtschaft und Natur einzurichten. Unter www.wirtschaft-und-natur.de finden Sie Hintergrundinformationen zum Buch „Produktivkraft Natur“ sowie zu verwandten Projekten wie der TEEB-Studie oder der Business-and-Biodiversity-Initiative. Dies ist ein Biodiversitäts-Check für Unternehmen und es werden Modelle entwickelt, wie Unternehmen biodiversitätstauglich werden können. Es ist geplant, die Internetseite sukzessive auszubauen, z.B. zu Forschungsprojekten und Veranstaltungen. Es lohnt sich also, immer mal wieder darauf zu schauen.

Ich wünsche mir, dass das Buch „Produktivkraft Natur“ und die neue Internetseite des BMU zum Thema „Wirtschaft und Natur“ Wegbereiter sind, um den gesamtgesellschaftlichen Wert von Natur und biologischer Vielfalt breiter bekannt zu machen und damit letztlich auch die Akzeptanz für Schutzmaßnahmen zu erhöhen.

Buchvorstellung "Produktivkraft Natur"

Berlin, 21.09.09, 10:30 Uhr